Külsheim. "Die Männer müssen heute Abend ganz schön müde sein",
meinte ein Kind vormittags angesichts der Strapazen, die es sich bei
zwölf Stunden über Stock und Stein auf einem Zweirad vorstellte.
Doch auch ein knappes Dutzend Frauen nahm in verschiedenen Teams das
"1. Weberei Pahl 12-Stunden-Mountainbike-Rennen in Külsheim" in
Angriff. Der "Event" ist bisher einmalig im Main-Tauber-Kreis, der
"Förderverein 2003 des FC Külsheim" setzte diese spektakuläre Idee
in die Tat um.
Ziel für die Teams war es, in den 12 Stunden möglichst viele der
neun Kilometer langen Runden zu absolvieren und danach so schnell
wie möglich ins Ziel zu kommen. Die Fahrer einer Mannschaft traten
einzeln und nacheinander auf dem Parcours an. Wann sie sich
ablösten, ob nach einer oder mehreren Runden mit jeweils 160
Höhenmetern, blieb den Teams frei gestellt. Es musste aber in der
Wechselzone im Stadion geschehen.
Die Streckenführung selbst war mit "Schotter-, Wald- und
Wiesenwegen" allgemein beschrieben, dahinter verbargen sich auch
knackige Anstiege, enge Passagen im Wald oder schlammige Abfahrten -
also von allem das, was ein Mountainbike-Rennen reizvoll macht.
Dr. Thomas Lippert vom Hauptsponsor "Weberei Pahl" und
Oberstleutnant Ingolf Marks, Standortältester der
Prinz-Eugen-Kaserne, wünschten der Veranstaltung ein gutes Gelingen
und schickten acht Einzelstarter, 15 Zweierteams und 27 Viererteams
ins Rennen, vom 14-Jährigen bis zum 51-Jährigen, vom Hobbyfahrer bis
zu Michael Schröder, Senioren-Vizeweltmeister im
Mountainbike-Fahren, als Einzelstarter unterwegs, und Joachim
Oechsner, amtierender Bayrischer Meister und letztjähriger
Vize-Weltmeister, der in einem Vierer-Team dabei war.
Sie alle hatten stets die anspruchsvolle Aufgabe, aber auch das
Ziel vor Augen, nach zwölf Stunden in einigen Bereichen die Grenzen
der Leistungsfähigkeit ausgetestet zu haben. Und für Zaungäste bot
dieses sportliche Fest Gelegenheit, in den Mountainbike-Rennzirkus
hineinzuschnuppern. Die Strecke war zumeist trocken, die Sonne
schien fast den ganzen Tag, entsprechend sonnig war auch die
Stimmung, auch wenn die Stunden im Sattel immer mehr die Kräfte
beanspruchten oder raubten. Konzentration, Geschicklichkeit und Mut
waren gefragt, manchmal machte es Mühe, in den richtigen
Tretrhythmus zu gelangen.
Wohl alle hatten mit temporären Konditionslücken zu kämpfen, mit
technischen Defekten wie gerissenen Ketten, platten Reifen oder gar
Stürzen. Es forderte viel Aufmerksamkeit, um heil über die Runden zu
kommen. Der selektive Rundkurs lebte aber nicht nur von seinen
Anstiegen, auch die rasanten Bergab-Passagen beanspruchten die
Aktiven immer wieder bis aufs Äußerste. Die Konzentration war auf
der mit Geländefinessen gespickten Strecke fast durchweg auf dem
Höhepunkt, ein Fahrfehler konnte stets einen schmerzhaften Sturz zur
Folge haben. So berichteten denn auch viele von ungewollten
Bodenkontakten, die sich an einigen technisch schwierigen Stellen
häuften.
Für die landschaftliche Schönheit des Kurses hatten die Biker bei
Temperaturen bis 30 Grad Celsius kaum einen Blick. Der Kampf gegen
den inneren Schweinehund stand mehr im Vordergrund. Schlapp machen
galt aber nicht, warteten doch in der Wechselzone die Teamkollegen.
Nach einer oder mehreren Runden hieß es ausruhen, Flüssigkeit
auffüllen, essen oder man suchte das Gespräch mit den Kollegen über
Besonderheiten auf der Strecke.
Für die nötige Power und den Nachschub an Kalorien (und was der
Mensch sonst noch so braucht) sorgten neben eigenen Spezialrezepten
jeweils 50 Kilogramm Äpfel und Bananen, ein Kubikmeter Wasser zum
Trinken, 20 Bleche "Bloatz", drei Dutzend Melonen, ein Dutzend Brote
(jede Stunde etwas anderes) sowie 500 selbst gebackene
Energieriegel.
Die Zuschauer auf der Strecke und/oder die Streckenposten wussten
bei ihren persönlichen Anfeuerungsrufen an den kritischen
Teilstrecken unterwegs genau, um was es geht: "Wir woll’n dich
kämpfen seh’n!", hieß es da beispielsweise. Was die Cracks denn auch
zur Genüge taten. Oft blieb Zeit zu einem kurzen aufmunternden
Gespräch: "Mike, wie?" - "Wunderbar!" kam es am Ende der
Schlammabfahrt zurück in leicht ironischem Unterton.
Die Strecke erhielt allenthalben Lob ob ihrer Schwierigkeit und
ob der Abwechslung, die sie auf den neun Kilometern bot - "echt
geil", kommentierten die Fahrer. Die Resonanz bei den
Mountain-Bikern geriet durchweg positiv ("super Strecke", "perfekte
Organisation", "tolle Atmosphäre"), gut auch die notwendigen
Gefahrenhinweise auf der Strecke. Zuschauer meinten, sie fänden das
Ganze "schön und interessant" oder auch "grandios".
Waren die Anfeuerungen schon den ganzen Tag über weithin hörbar,
so steigerten sich diese Jubelrufe vor allem in den letzten Passagen
zum Stakkato. Vielleicht war das mit ein Grund, dass alle
Einzelstarter und Teams als "Finisher" am Ende eines anstrengenden
Tages das Ziel erreichten, alle kamen durch. Ein "Kopf-Über-Einflug"
ins Stadion oder eine Sturzverletzung, die genäht werden musste,
waren die Ausnahmen dessen, was das Rote Kreuz zu behandeln hatte,
meist blieb es bei vielerlei Schürfwunden.
Etwa 100 Mitarbeiter sorgten dafür, dass die Veranstaltung zu
einem super Ereignis werden konnte. Der "Förderverein 2003 des FC
Külsheim", erst zehn Monate jung, hat in nur fünf Monaten
Vorbereitung wohl ein "Rad-Event" ins Leben gerufen, das in dieser
Form besonders ist und keinen Vergleich scheuen braucht.
Lob kam aus höchst berufenem Munde: Joachim Oechsner, unter
anderem auch WM-Teilnehmer, meinte, die Europameisterschaft vor
kurzem sei nicht so gut organisiert gewesen. Technisch gesehen
brauche man an der Strecke nichts ändern, "es kann nicht besser
sein".
Petrus jedoch hatte ein sonderbares Timing gewählt: Kurz nach
Ende des Rennens begann es leicht zu regnen, das Ende der
Siegerehrung versank in den Anfängen eines schweren Gewitters, die
geplante "After Race Party" mutierte zu einem Plauderstündchen in
der Gerätehalle des Stadions.
Dennoch war auch der Veranstalter mit der Resonanz und dem Ablauf
der ersten Auflage des Mountainbike-Rennens als richtig schöner
familiärer Veranstaltung in Külsheim zufrieden. Man betonte, der
Event sei ohne die vielen Helfer, Sponsoren und genehmigenden
Stellen nicht möglich gewesen.
"Wir sehen uns wieder", so die einhellige Meinung aller
Teilnehmer - ob Fahrer, Zuschauer oder Veranstalter.
hpw